top of page

Operative und Spekulative Arbeit mit Werkzeugen des Gesellen - Aus der Sicht einer Steinmetzin

  • Anna S.
  • vor 9 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit


Wie oft habe ich nun gehört und gelesen, der Lehrling schlage mit dem Spitzhammer oder mit dem Spitzeisen die Unvollkommenheiten seines rauen Steins ab und dachte dabei: so einfach ist das weder am Stein noch am Sein, nahm die Analogie aber zunächst als symbolische Zielsetzung an. Genausowenig schenkte ich der Verwendung verschiedener Werkzeuge gleicher Art besondere Aufmerksamkeit, denn sie unterschieden sich eh von denen eines Steinmetzen, wie ich sie kannte.

 

Das änderte sich schlagartig, als ich meine Gesellenreisen begann. Fasziniert beobachtete ich die Unterschiede, besonders der im Ritual verwendeten Hämmer. Jene des ersten und zweiten Aufsehers unterschieden sich bereits stark voneinander aber was mich besonders faszinierte war die Vergabe eines modernen Maurerhammers bei der Beförderung zweier Lehrlinge. Er wollte mir mit seinem neumodischen Kunststoffgriff die andächtige Stimmung verderben.

 

Danach begann ich zu recherchieren, was es damit auf sich haben könnte und fand heraus, dass der Maurerhammer für den Flächenhammer steht, der dem Gesellen zugeteilt ist.

Dieser diente bis Mitte des 15. Jh, gleich dem heutigen Scharriereisen dazu, die gezahnte, also fast fertige Fläche mit parallelen schlägen auf eine Ebene zu bringen. Ein Werkzeug mit großem Gewicht, das mit beiden Händen, ähnlich einer Axt und etwa im 45 grad winkel geführt wurde.


Mein Forschungstrieb war geweckt!


Da ich nun ein Indiz dafür gefunden hatte, dass die freimaurerische Arbeit doch mehr mit meiner als Steinmetzin zu tun hatte, suchte ich weiter nach Analogien und begann ganz am Anfang:

 

Erarbeitung eines kubischen Steins


Um ein stabiles Gebäude zu errichten, braucht es vor allem Steine, die rechtwinklig sind.

Der Prozess dorthin erfordert den Einsatz aller Sinne:

Ein Steinmetz wählt einen rohen Werkstein, nimmt die Maße abzüglich des zu entfernenden Materials, prüft ihn auf sichtbare Schäden und klopft ihn dann mit einem Hammer ab. Der Klang, der beim Schlag entsteht, gibt Aufschluss darüber, ob sich im Gefüge ein Riss oder Loch befindet. Diese Vorgehensweise ist sehr wichtig, denn die Qualität des Steins spiegelt jene des ganzen Bauwerks wider.

 

Wird der Stein als gesund eingestuft, wählt der Steinmetz die größte Fläche des grob kubischen Steins sowie den ersten Eckpunkt.

Von dortaus zieht er eine Linie zur nächsten Ecke der imaginären Ebene. Diese Linie wird mit einem Schlageisen eingebeizt, das heißt eine Stufe in die Seite geschlagen, auf die dann ein Richtscheit zur Kontrolle der Ebene aufgelegt werden kann. Mit jedem Schlag werden nur etwa 1-2mm Material abgetragen und es kann viele Durchgänge erfordern, bis eine  Fläche mit der Breite des Meißels erreicht ist.


Zur Ermittlung der Position des vierten Punktes der zukünftigen Ebene kommt das Auge zum Einsatz: Indem man einen Richtscheit auf den ersten, bereits ebenen Randschlag legt und einen weiteren Scheit an der gegenüberliegenden Seite am dritten Eckpunkt anlegt und dann die vierte Ecke durch parallel setzen des angelegten Scheites ermittelt.

Bei diesem Vorgang ist es angebracht, einen Kollegen um Hilfe zu bitten, denn es ist sehr schwierig, gleichzeitig den Richtscheit auf unebener Steinseite festzuhalten, darauf eine Linie zu ziehen und die richtige Position im Auge zu behalten.

 

Ich empfinde dieses sogenannte Ersehen als hoch philosophisch: Die linke Hand fixiert und markiert durch Anlegen des Scheites die zukünftige geradlinige Handlung der Rechten, die eine sichtbare Markierung hinterlässt. Zur Kontrolle dessen braucht es aber eine dritte, geistige Instanz, die mit etwas Abstand den Stein als Ganzes im Blick behält und die schließlich über das Operieren beider Hände entscheidet, allein aber nicht handlungsfähig wäre.

 

Arbeit mit Hammer und Meißel


Das verbleibende Material in der Mitte, der Bossen, wird nun mit Spitzeisen und Zahneisen abgearbeitet.


Man bedenke, dass weder die linke Hand, die den Meißel führe, weder die Rechte, die meist den Hammer halte und die Schlagkraft vorgebe, den Werkzeugstiel umkrampfe. Der Griff solle immer eine gewisse Lockerheit behalten, denn sonst übertrage sich die Kraft des Schlags auf das Handgelenk des Hammerführers und nicht auf das zu bearbeitende Material. Bevor man sich also zu vorschnellem Schlage hinreißen lasse, weil man starke Emotionen hege oder gerade in Schwung geraten sei, halte man kurz inne und lockere beide Griffe.


Andererseits kommt es auch oft zu Ermüdungserscheinungen: die Konzentration lässt nach, die Hände arbeiten ziellos und unbegründet, die Vernunft wird vom monotonen Takt der gewohnten Abläufe in den Schlaf gewiegt. Mit oft fatalen Folgen.


Daher sollte jeder Handlung und jedem Schlag eine Nachjustierung der Richtung, eine Kontrolle der Kraft und eine Prognose der Auswirkung vorausgehen sowie eine Bewertung dessen folgen. Diese Korrektur als Folgehandlung reflektierten Prüfens bestimmt die eigentliche Arbeitsrichtung.

 

Wie ist es nun um die Glätte meines Werksteins beschaffen?


Nachdem ich ihn gewissenhaft mit dem Flächenhammer bearbeitet habe, hat er eine gleichmäßige, gewellte, aber ebene Struktur. Das reicht vollkommen, um ihn in den Bau einzufügen. Warum streben wir also eine glatte Oberfläche an? Daran hält ja der Mörtel noch nicht einmal besonders gut. Zu glatte Steine, als auch Persönlichkeiten, wirken oft unauthentisch oder werden aufgrund eines projezierten Ideals objektiviert. Zudem erwecken sie den Eindruck, eine Bearbeitung nicht mehr nötig zu haben. Daher schlussfolgere ich, dass das Glätten als letzte Instanz bei der Steinbearbeitung ein utopischer Vorgang sei, der den rechten Weg als Ziel habe.

 

Verantwortung auf der Baustelle


Ein Geselle macht weniger Fehler, als ein Lehrling, und wenn, dann verantwortet der Meister das weitere Vorgehen. Es ist sehr wichtig, aus Angst vor Strafe nichts vertuschen zu wollen, denn ein beschädigtes Werkstück kann den ganzen Bau instabilisieren.

Wachsamkeit ist geboten, bei sich selbst zu bleiben, denn der weisungsgebundene Status des Gesellen zieht verschiedenste Kräfte an, die ihm ihre fachfremden Aufgaben übertragen wollen. Es liegt nahe, jenen aus egoistischen Gründen und Unterwürfigkeit Folge zu leisten. Sich darauf einzulassen, lässt vom Bauplan abweichen und führt einen späteren Mehraufwand und Neujustierung durch das Senkblei mit sich.

 

Restaurierung


Kein Stein ist wie der andere. Ein zu harter und im falschen Winkel angesetzter Schlag kann beim Sandstein genausoviel Schaden anrichten, wie beständig fallender saurer Regen auf einen Kalkstein. In beiden Fällen können restauratorische Maßnahmen ergriffen werden. Ist das Gefüge allerdings einmal geschwächt oder sind Bruchstücke verloren gegangen, kann man die Stelle nur unterstützend behandeln aber nicht reparieren.

Mit einem Restauriermörtel, der weicher ist als der Stein selbst, werden offene Stellen verfugt. Im Belastungsfall bricht somit zuerst der Mörtel weg und schützt seinen Träger.

Solche Maßnahmen werden als lebenslange Aufgabe verstanden, wollen und können niemals ein intaktes Steingefüge ersetzen.

Machen wir uns bewusst, wie sensibel dieses Material Stein trotz seiner physischen Beständigkeit ist. Besonders lang gelagerte Exemplare etwa, setzen bei längerer Einsamkeit oder Selbstbezogenheit Moos und Flechten an und verhärten gleichzeitig. Sie werden nicht mehr bearbeitet, aus Überzeugung, alles Wichtige im Leben erreicht zu haben. Lassen wir uns niemals zu hartem Schlage verleiten, weil wir ein spontan ungeprüftes Urteil fällen.

 

Die Gemeinschaft


Als Letztes schaue ich um mich und prüfe, ob mein Stein sich harmonisch in das Bauwerk einfügt. Mit dem Brecheisen kann unter feinjustierter Krafteinwirkung die Position noch etwas verschoben werden.


Die eigentliche Arbeit am rauen Stein führt zwar jeder für sich selbst aus, aber die Maßstäbe und die Werte des Ideals liefert die Gemeinschaft, die auch den Erfolg meiner Arbeit indirekt beurteilt. Um auf diesem Pfade weiterhin mutig zu wandern, nehme ich zum Geleit, meiner Geschwister Segen mit, (W.A. Mozart bzw Josef Franz Ratschky, Lied zur Gesellenreise) sodass meine Erkenntnisse nicht länger einsam auf unfruchtbarem Boden vertrocknen mögen.

 

Selbsterkenntnis

Wir können nicht in andere hineinsehen, selbst in uns bleibt wohl vieles verborgen. Aber wir Wir können nicht in andere hineinsehen, selbst in uns bleibt wohl vieles verborgen. Aber wir können Resonanzen erzeugen, indem wir Thematiken abklopfen und ihrem Widerhall lauschen. Um tiefe Kenntnis über seinen Stein zu erlangen, bedarf es Zeit und Achtsamkeit auf sich selbst. Im Zuge der Bearbeitung werden immer wieder neue Strukturen im Gefüge entdeckt.


Mit feinem Werkzeug nehme ich jede raue Stelle meines Steins Stück für Stück auseinander. Dabei merke ich, dass ein einzelnes Fragment an sich hinterfragt werden darf, da es für sich steht, die Zusammenfassung als Beurteilung jedoch nicht. Daher wäre es nicht ratsam, das Stück Stein mit einem Schlag zu entfernen, denn an seine Stelle würde etwas anderes Absolutes treten, das auch nicht wahr und gerecht wäre.

 

Ihr seht, warum ich es für wichtig erachte, euch den Prozess der Steinbearbeitung detailliert fzuschlüsseln. Ein einfaches Wegschlagen unliebsamer Fragmente wäre zu kurz gedacht.

Es braucht viel Geduld auf diesem Wege, aber: Schlag für Schlag, „wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages, in die Antworten hinein“. Rainer Maria Rilke, Über die Geduld 1903

 

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page